Der Charme des Unperfekten
Zum Glück haben Manuel Stahlberger und Stefan Heuss viele Freunde. Denn ohne sie gäbe es Stahlbergers hellsichtige, wundersam traurig-komischen Lieder über den Fenchelesser, über gewaltbereite Alte, die beklemmende Regenbogen-Siedlung oder den Klimawandel kaum. Und der grandiose Tüftler Heuss würde seine skurrilen Maschinen, hergestellt aus schrottreifem Plunder, vielleicht im Hobbyraum vor sich hin rosten lassen. Doch als Duo Stahlbergerheuss, mit ihrem ureigenen Stil von Gesang und Mechanik, begeistern sie ein immer zahlreicheres Publikum: Stahlberger, der seine Lieder ruhig, rätselhaft unnahbar vorträgt, Heuss, der eine Nähmaschine Gitarre oder eine Säge Geige spielen lässt.
Beide sagen, sie seien rein „zufällig“ und «aus Jux» in ihre neue Berufung „hineingerutscht“ – eben wegen der Freunde, die sie mit ihren Darbietungen erfreuten. Und das kam so: Der Zürcher Stefan Heuss, 42, lernte das Basteln von der Pieke auf. Sein Vater handelte mit Frankiermaschinen, die er mit Unterstützung des Sohnes auch reparierte. Nach der Gärtnerlehre und der Theaterschule arbeitete Heuss als Bühnentechniker und begann, Freunde zum Geburtstag mit eigenen Konstruktionen zu beschenken. Die Nachfrage stieg gleichermassen wie die Erfinderlust.
Manuel Stahlberger, 35, hatte seit der Schulzeit nur eines im Kopf: zeichnen. Ausbildungen brach er reihenweise ab und widmete sich stattdessen Herrn Mäder, seiner Comicfigur, einem waschechtem St. Galler wie sein Erschaffer, der sich mehr oder weniger heldenhaft durchs Leben in der Kleinstadt schlägt. Zusammen mit Mölä, dem Freund aus Kinderzeiten, beide weder musik- noch schreibgeschult, organisierte Stahlberger ein Fest im Grünen; die beiden trugen ihren Freunden eigene Lieder vor. Einer zeichnete den Auftritt auf Video auf, die Gesichter beleuchtete er mit einer Taschenlampe. Das Tape wurde mit „Mölä & Stahli im Hasewäldli“ beschriftet. So entstand das Duo „Mölä & Stahli“, von Kleinkunstbühnen bald häufig gebucht.
Manuel Stahlberger kann heute von seiner Musik - bescheiden - leben, Stefan Heuss betreibt daneben noch eine Gärtnerei.
Stahlberger tritt auch mit eigener Band auf. Er ist der einzige, der sich über die Kantonsgrenze hinaus mit Ostschweizer Dialektliedern einen Namen gemacht hat. Im Gegensatz zu Bern mit Mani Matter, Polo Hofer, Kuno Lauener & Co. litten viele Ostschweizer noch unter „völlig unbegründeten Minderwertigkeitskomplexen“, sagt Manuel Stahlberger. „Vielleicht weil wir eine Randregion sind und weil man sich in der Ostschweiz gerne etwas leid tut“, vermutet er. Obwohl doch die Ostschweiz einige der eigenwilligsten Kulturschaffenden im Lande hervorgebracht hat: den Schriftsteller Niklaus Meienberg, den Filmemacher Peter Liechti, den Aktionskünstler Roman Signer oder die Videokünstlerin Pipilotti Rist. Manuel Stahlberger jedenfalls ist kein verschämter St. Galler. Er liebt die Stadt mit ihrer übersichtlichen Szene und möchte nirgendwo anders leben.
Heuss und Stahlberger fanden 2003 zusammen, beide kamen aus Duos, die sich aufgelöst hatten. Zwei unterschiedliche Charaktere: Heuss, der Leutselige, der während der Entstehung seiner Erfindungen allen davon erzählt und so auf neue Ideen kommt. Stahlberger, der im stillen Kämmerlein hart an seinen Texten – oft Alltagsbeobachtungen - arbeitet und sie erst ans Licht bringt, wenn sie absolut sitzen. Heuss, der auf der Bühne seinen Höllenmaschinen mit kindlicher Freude Töne entlockt. Stahlberger, der einfach nur dasteht und seine Lieder ohne Faxen singt. Keine Masche, so ist er auch privat. Zudem findet er „es besser, wenn sich die Leute auf meine Lieder konzentrieren, statt auf mich.“ Stefan Heuss ergänzt: „Wenn Manuel einmal lacht auf der Bühne, ist es ein Highlight.“ Und bricht in schallendes Gelächter aus. Nach den Auftritten wird er häufig von Hobbybastlern angesprochen, die über Klebebänder fachsimpeln, mit denen Stefan Heuss zusammenpappt, was nicht zusammen gehört.
Die beiden Hälften von Stahlbergerheuss mögen grundverschieden sein, doch ihre Auftritte sind aus einem Guss. „Mein Singen ist eher Singsang, ich bin nicht der Queen-Leadsänger Freddy Mercury“, sagt Manuel Stahlberger; „ich bin kein Instrumentenbauer, kann nicht mal richtig schweissen“, meint Stefan Heuss. Sie sind Dilettanten auf hohem Niveau - sie tun das, was sie können, mit höchster Präzision und viel Selbstironie.
Nicht perfekt sein, ist das Grundthema in Stahlbergers Liedern, in Heuss’ Installationen, und das macht den unübertrefflichen Charme ihrer Musik aus. Im Mai wurde Manuel Stahlberger mit dem begehrten „Salzburger Stier“ ausgezeichnet, Stahlbergerheuss waren öfter im Fernsehen zu sehen. Sie träumen nicht von Auftritten in Las Vegas, viel wichtiger ist es ihnen, beweglich zu bleiben, nicht zu erstarren. Manuel Stahlberger drängt es nach neuen Experimenten: „Ich habe tausend kleine Ideen, aber noch ist keine über die anderen hinausgewachsen.“ Und in Stefan Heuss’ Metier gibt es ohnehin keine Grenzen. Seine letzte Erfindung, auf welche die Welt lange gewartet hat: eine ziemlich wacklige Konstruktion, die Gläser zum Singen bringt.
Marianne Fehr
Schweizer Familie, 4. Juni 2009